Platons Höhlengleichnis

Auszug:

- Wenn einer entfesselt wäre und gezwungen würde, sogleich aufzustehen, den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das Licht zu sehn, und, indem er das täte, immer Schmerzen hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht recht vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten sah:

was, meinst du wohl, würde er sagen, wenn ihm einer versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem Seienden näher und zu dem mehr Seienden gewendet, sähe er richtiger, und, ihm jedes Vorübergehende zeigend, ihn fragte und zu antworten zwänge, was es sei? Meinst du nicht, er werde ganz verwirrt sein und glauben, was er damals gesehen, sei doch wirklicher als was ihm jetzt gezeigt werde?

– Bei weitem, antwortete er. 

Und wenn man ihn gar in das Licht selbst zu sehen nötigte, würden ihm wohl die Augen schmerzen, und er würde fliehen und zu jenem zurückkehren, was er anzusehen imstande ist, fest überzeugt, dies sei in der Tat deutlicher als das zuletzt Gezeigte?

– Allerdings.

Und, sprach ich, wenn ihn einer mit Gewalt von dort durch den unwegsamen und steilen Aufgang schleppte und nicht losließe, bis er ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern schleppen lassen? Und wenn er nun an das Licht kommt und die Augen voll Strahlen hat, wird er nicht das Geringste sehen können von dem, was ihm nun für das Wahre gegeben wird.

– Freilich nicht, sagte er, wenigstens nicht sogleich.

– Gewöhnung also, meine ich, wird er nötig haben, um das Obere zu sehen. Und zuerst würde er Schatten am leichtesten erkennen, hernach die Bilder der Menschen und der andern Dinge im Wasser, und dann erst sie selbst. Und hierauf würde er was am Himmel ist und den Himmel selbst leichter bei Nacht betrachten und in das Mond- und Sternenlicht sehen als bei Tage in die Sonne und in ihr Licht. – Wie sollte er nicht! – Zuletzt aber, denke ich, wird er auch die Sonne selbst, nicht Bilder von ihr im Wasser oder anderwärts, sondern sie als sie selbst an ihrer eigenen Stelle anzusehen und zu betrachten imstande sein.


5 Responses to “Platons Höhlengleichnis”

  1. Heute komme ich ja aus dem Staunen nicht mehr heraus: zuerst Ihren Fotostream, (den muss ich erst einmal verkraften; selber fotographiere ich seit Juli 1951, als ich Versuchsmechaniker bei ADOX in Wiesbaden-Biebrich war; Firma existiert nicht mehr: Opfer der grösseren Flexibilität der Japaner; Als ich noch schwarz-weiss fotographierte, (ADOX-KB 14), glaubte ich zuwählen, ich hätte den gewissen Blick, heute glaube ich das nicht mehr und bescheide mich damit, die wahren Könner zu bewundern. Respekt!

    Und nun noch diese Seite (website). Ich muss jetzt erst einmal in mein Städtchen, den neuen Walser abholen: “Muttersohn”. Von Büchern (fachlich: Soziologie, Politologie, Geschichte, Philosophie, Rechtsgeschichte; und natürlich “Schöngeistiges”) verstehe ich etwas mehr als vom Fotographieren. Auch hier, zur website, meinen Respekt:

    http://Unterschiede-unterscheiden.blogspot.com

  2. :-) Die Fotos unten kommen allerdings von anderer Stelle…man kann per rss-feed Fotostreams von den flickr-accounts anderer Leute einblenden. Wenn man auf den Fotostreifen klickt, erfährt man mehr über den Fotografen und findet dort weitere Bilder…Das wechselt hier so ca. einmal pro Woche…werde nun mal einen neuen Stream laden.

    Der Herausgeber fotografiert übrigens auch: http://www.flickr.com/photos/florianhauschild/

    Viel Spaß mit dem Walser und danke für den link…:-)

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