
Ein Gastbeitrag von Miguel Martinez
Um aus der Verärgerung des persönlichen Umfelds in die Öffentlichkeit herauszutreten, muss man gewisse Abläufe und Prozesse der menschlichen Reaktion auf eine Aktion verstehen lernen und vor allem selbst durchgehen. Immanuel Kant beschreibt diese Entwicklung großartig in seinem Essay: „Was ist Aufklärung?“
Hier die Einleitung:
„AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
Kant beschreibt sehr genau die Trägheit des Menschen aus der Passivität herauszutreten und sein Leben wie auch seine Umwelt endlich aktiv mitzugestalten und selbst Einfluß zu nehmen. Wir überlassen lieber das Diktat, wie wir unser Leben zu führen haben, anderen. Meinungen und Lebensstile werden uns unterbewusst untergejubelt. Wir sollten aber endlich aus dieser Unkenntnis bzw. dem bewussten Stillschweigen heraustreten, unsere Situation und die Problematiken genau analysieren, um endlich die Missstände anprangern zu können, um diese aktiv zu verändern.
Denn wir wissen ganz genau:
Keiner wird unsere Interessen besser vertreten können als wir selbst.
Bevor es zu dieser nächsten Bewusstseinsebene kommen kann, ist aber ein gewisser Wissensstand nötig. Dabei müssen so einige Trägheitsfaktoren beachtet und überwunden werden, die wir uns über die Jahre angeeignet haben. Bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt.
1. Problem: Kommunikation
Als es früher noch keine Zeitungen und Bücher gab, wurden Nachrichten nur Mund zu Mund weitergegeben. Das dauerte nicht nur Tage, sondern Wochen und Monate bis Neuigkeiten ihre Runden drehten. Wir kennen alle das „Stille Post“ Spiel. Vieles wurde oftmals falsch zitiert und um einige Theorien oder absurde Zusätze ergänzt. So konnten bestimmte Obrigkeiten wichtige Nachrichten durch bestimmte „Leibeigene“ manipulieren lassen. Die Quelle der Nachricht war in vielen Fällen nicht überprüfbar und die Aussage zum großen Teil auch nicht. Die einfachen Bürger und Bauern waren somit der Manipulation von Information und Wissen komplett ausgeliefert. Dem Gros der Bevölkerung wurde absichtlich keine Bildung gewährt, so daß sie mehr als einfach zu regieren waren.
Wer nichts weiss, kann nicht kritisieren, kann nicht aufbegehren.
Diese Zeiten werden von uns mehr als belächelt, denn Kommunikation ist heutzutage einfacher denn je. Vielleicht sollte ich eher schreiben, die heutige Kommunikation wäre einfacher, wenn wir wieder zu den wichtigen Inhalten und Themen eines Gesprächs in unserem Leben finden würden. Vor allem, wenn wir öfter wieder persönlich kommunizieren und diskutieren würden. Nicht ausschliesslich, aber häufiger. Denn die zivilisatorischen Themen sind heute wesentlich komplexer geworden als sie früher waren. Sie bedürfen einer langen Diskussion und ausführlichen Informationsrunde. Die spanische „15-M / Echte Demokratie Jetzt Bewegung“ ist damit ein wichtiger Grundstein. Die Asambleas (Volksvertretungen) sind mittlerweile ein Paradebeispiel dafür, wie Konsensfindungen vonstatten gehen. Ob Griechenland, Israel, Portugal, Frankreich oder bereits auch in Deutschland (Berlin), die Asambleas vereinfachen die Geschwindigkeit der Bewegung, den Diskurs und enthemmen die Darstellung von komplexen Sachverhalten in der Kommunikation. Der mündliche Austausch ist in vielen Gebieten nach wie vor schneller als der schriftliche. Wir müssen zurück zum gesellschaftlichen Konsens, der nicht lobbyverseuchten Politikmaschinerie.
Wir repräsentieren uns selbst! So definiert sich eine moderne und transparente Gesellschaft im 21. Jahrhundert!
2. Problem: Sozialgemeinschaft/Solidargemeinschaft
Mehr als mutwillig wurde über Jahre hinweg das soziale Netzwerk in Deutschland immer mehr auseinander gerissen. Dazu gehört nicht nur die Reduktion der sogenannten „Stütze“ (Arbeitslosengeld etc.) , sondern auch der Missbrauch und die Diffamierung von Worten wie „sozial“ und „solidarisch“.
Bestes Beispiel für eine verbale “Vergewaltigung“ ist die sogenannte „Initiative Neue Soziale Martkwirtschaft“. Zusätzlich dazu werden die sozialen Komponenten unserer bisherigen „Demokratie“ untergraben, in dem man seit Jahren erwähnt, das man sich den Sozialstaat nicht mehr leisten könne. Auch die aussufernde Diskreditierung von Gewerkschaften und ihren Tarifverträgen hat zu erheblichem sozialen Sprengstoff beigetragen. Natürlich haben auch die Betriebsräte das sozialgewerkschaftliche Fundament durch ihre Gier und ihr Machtstreben völlig gesprengt. Vor allem die jüngeren Generationen können mit den Worten „Generationenvertrag“, sowie “soziales“ wie auch „solidarisches“ Verhalten nichts anfangen. Der Bürger wurde in eine Ellbogengesellschaft umgepolt/umerzogen, die nur auf ihren Vorteil, auf den Ausbau ihres persönlichen Macht- und Konsumzirkels fixiert ist.
Dies widerspricht dem menschlichen Wesen. Wir müssen zurück zur sozialen Gemeinschaft. Zurück zu Moral, Ethik und Gewissen. Diese Punkte müssen über dem Kapital, dem Geld und den politischen wie auch wirtschaftlichen Machtstrukturen stehen.
Wir müssen weg vom „neoliberalen Regieren“, hinzu „sozialem Agieren“
3. Problem: Wissen
Um gegenwärtige Misstände zu ändern, reicht es nicht diese anzuklagen. Man muss verstehen lernen und definieren können, was einem missfällt. Schaut hinter das Gerüst des Problems bzw. des bestehenden Prinzips/Systems , das euch zu seinem Sklaven macht. Die globalen Demonstrationen haben alle einen großen gemeinsamen Nenner. Soziale Unzufriedenheit, Einschräkung des Lebens und der damit verbundenen Freiheit des Individuums, welches selbst entscheiden will, wie es sein Leben führt und gestaltet. Vor allem sind die weltweiten Proteste ein Hoffnungschimmer für das menschliche Gewissen. Für den Sinn nach Recht und Gesetz. Immer mehr Bürger merken, daß das jetzige System am Ende mehr Menschen zu Verlierern macht, als zu Gewinnern.
Wir bemerken das Konglomerat von Politik und Bankwesen. Die Abhängigkeit der finanzpolitischen Aktionen auf lokalem wie auch globalem Politikparkett. Wir können definieren, was die Probleme sind. Es endet oftmals bei der ausufernden Machtausbeutung von ein paar Einzelnen (Machiavelli – Die Technik der Macht). Um die Zukunft anders zu gestalten, müssen wir unsere Welt verstehen lernen:
Die Prioritäten laueten daher:
1. Wissen aneignen
2. Hintergründe verstehen lernen und darüber disktuieren
3. Aus Fehlern lernen und neue alternative Vorschläge ausarbeiten.
Dies funktioniert nicht auf Dauer in den eigenen vier Wänden. Dazu müssen wir uns vernetzen. In sozialen Netzwerken, auf Blogs, Homepages, Twitter aber vor allem lokal und real! Tretet heraus aus der Sklaverei eurer Gedanken und dem Diktat über euer Leben! Um diesen Prozess anzustossen, empfehle ich abschliessend folgenden Artikel: Vernetzt euch!
„Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz.“
(Lessing, Über die Wahrheit, 1777)
Der Artikel erschien urspünglich auf dem Blog “Die Empörung“
Bitte Kommentarleitfaden beachten!














