Der 15. Oktober steht vor der Tür

Ein Blick hinter die Kulissen

Ein Interview

Ludo Vici ist ein Münchner Autor, Musiker, Schauspieler und Theatermacher. In seinem “Salon zur kleinen Weltherrschaft” spricht er mit klimaherbst.de über den weltweiten Aktionstag “15.O – the day of global Revolution”, für den bereits in über 700 Städten Demonstrationen angemeldet wurden. So auch in München. Im Gespräch  erzählt der Festival-Organisator von den Hintergründen der Aktion.

Die vom Aktionsbündnis “Echte Demokratie Jetzt München“, “OccupyTogetherMünchen” und Attac organisierte Veranstaltung findet am Samstag, 15.10.2011, von 11-17 Uhr am Stachus (Karlsplatz) statt: mit Infostand, Live-Musik, DJ, Polit-Kabarett und StreetArt. Wir sind da – sei auch du dabei!

Ist dies die erste Demonstration, die ihr organisiert? Und wer ist das „wir“ hinter deinem Aufruf?

Im Zuge meiner Recherchen für unser Kabarettprogramm stieß ich auf den Aufruf der spanischen Bürgerrechtsbewegung „Democracia Real Ya“ für den 15. Oktober. Meine erste Reaktion war: Fantastisch, auf der ganzen Welt wird es zu Kundgebungen kommen, überall, auch in Europa, auch in Deutschland…aber bestimmt mal wieder nicht in München.

Also machte ich mich auf die Suche und umgehend fand sich eine Facebook-Gruppe „Echte Demokratie Jetzt – München“ Man hat sich schnell kurz geschlossen, ein erstes Treffen organisiert und los gings. Wer wir alle denn sind, wird sich vor Ort herausstellen und ihr seid herzlich eingeladen, euch dort ein Bild von uns zu machen. Für mich ist es die erste Demo dieser Art. Ich habe zwar Theaterveranstaltungen im öffentlichen Raum und Konzerte – jeweils mit politischem Hintergrund – organisiert, aber eine Veranstaltung dieser Art ist für mich neu.

Aber wieso gerade ihr?

Ich denke, uns zeichnet nicht eine besondere Eigenschaft aus. Wir sind zu Organisatoren dieser Demo geworden, weil wir es einfach angepackt haben. Wir wollten nicht, dass München außen vor steht und haben über das Netz das Angebot gemacht, die Idee zu unterstützen und so haben wir uns zusammengefunden.

Vom Tahrir-Platz bis in die Wall Street platzt den Bürgern der Kragen. Worüber sollen die Münchner wütend sein, dass sie ihre Freizeitgestaltung über den Haufen werfen?

Die Demonstrationen rund um den Globus haben verschiedene Hintergründe. Das Aufbegehren der Menschen im Rahmen des arabischen Frühlings war der Aufstand gegen diktatorische Regierungen, die das eigene Volk gewaltsam unterdrückt haben. In diesen Staaten waren die Bürger weit von demokratischen Strukturen entfernt und stehen nun vor der großen Aufgabe, diese Stück für Stück zu entwickeln.

In den USA wehren sich die Menschen gegen eine Politik, die im Rahmen einer demokratischen Struktur Macht-, Finanz- und Meinungsmonopole herausgebildet hat, die eine massive Ungerechtigkeit bezüglich Chancen- und Einkommensgleichheit zu verantworten hat.

Für diese Menschen stellt sich die Frage, inwieweit ihr demokratisches System tatsächlich eine Volksvertretung ist, die im Sinne des Gemeinwohls arbeitet, oder ob sich nicht hinter einem demokratischen Anschein längst Strukturen manifestiert haben, die lediglich die Interessen einer Minderheit verfolgen.

Diese Frage eint sie mit der europäischen Bewegung. Und mehr und mehr beantwortet sich diese Frage beidseits des Atlantiks mit Ja. Ich denke, die Aufforderung an die Münchner Bürger, sich mit dem Zustand unseres Staatssystems und den darin wirkenden Machtgefügen auseinander zu setzen, stellt keinen so massiven Eingriff in ihre Freizeitgestaltung dar, zumal sie in ihrer Nicht-Freizeit in der Mehrheit ein Einkommen erwirtschaften, von dem sie Anteile an den Staat abgeben, verbunden mit dem Auftrag, diese im Rahmen einer Verfassung für das Allgemeinwohl einzusetzen. Hat man einmal dem inneren Impuls nachgegeben, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, stellt sich die Wut von selbst ein.

Sind die Menschen hier nicht vielleicht zu satt?

München hat ein leicht geschöntes Bild von sich. Die Stadt sonnt sich gern in dem Vergleich zu Städten wie Berlin und anderen, in denen die sozialen Spannungen größer sind. Doch das täuscht.

Längst nicht alle Menschen hier sind satt, eher weit davon entfernt satt zu sein. Nicht alle haben die ihnen zustehenden Bildungschancen, die Möglichkeit durch ihre Arbeit ihren Lebensunterhalt zu finanzieren oder schlicht eine bezahlbare Wohnung zu finden. Vielleicht gibt es hier eine Reihe von Menschen, die zu satt sind, aber das ist bestimmt nicht die Mehrheit.

Und was fordert man jetzt am 15. Oktober genau? Mehr Demokratie? Gut. Aber was bedeutet das?

Um ein Schlagwort zu gebrauchen: Mehr Demokratie ist das genaue Gegenteil von Alternativlos. Es ist der Entschluss dem schleichenden, in Teilen sogar offensichtlichen Prozess der Entmündigung der Bürger entgegen zu treten.

Essentielle Fragen des Gemeinwesens werden zunehmend von Organisationen getroffen, die jeder demokratischen Legitimierung entbehren. Mit der hemmungslosen Deregulierung des Finanzwesens wurden Mechanismen geschaffen, die lediglich sich selbst dienen, deren Entscheidungen aber auf Kosten der Allgemeinheit gehen.

Unter dem eigens geschaffenen Druck abstrakter Märkte, eines rücksichtslosen ökonomischen Pragmatismus wird der Mensch mitleidlos auf seine Funktion als wirtschaftliches Objekt reduziert. Seine Würde, sein Recht auf Achtung und Respekt wird durch die börsennotierte normative Kraft des Faktischen ausgehebelt, seine Ideale, seine Kultur, seine sozialen Bedürfnisse und seine Kreativität unter das Joch der monetären Bilanzierung geworfen. Die Forderung nach mehr Demokratie ist der ausformulierte Wille diese Umklammerung zu sprengen.

Wie siehst du den Erfolg der Piraten-Partei?

Der Erfolg der Piraten ist für mich mehr als nur ein Hoffnungsschimmer, denn er geht über eine lediglich nette Irritation der etablierten Parteien hinaus. Er straft alle, die sich in die Resignation zurückgezogen haben, Lügen. Er zeigt, dass es möglich ist, die arrogante Selbstsicherheit der Politikverkrustung und ihrer postenschachernden Krümmel erfolgreich herauszufordern.

Zudem vertreten sie ein Thema, das für den angestrebten Prozess der Re-Demokratisierung von substantieller Bedeutung ist. Nämlich die Frage nach Informationsfreiheit und den Widerstand gegen Zensur und Überwachung. Wie ernst es die aktuelle Regierung gerade mit letzterem nimmt, konnten wir alle an der Offenlegung des Bundestrojaners erfahren.

Das durchgesetzte und kontrollierte Verbot, anderer Leute Rechner zu durchforsten, sie als Wanze zu missbrauchen sowie mit fremden Daten zu verschmutzen, könnte übrigens durchaus das Opfer geringer Anteile von Freizeitaktivität rechtfertigen.

Mal ehrlich: Wir haben Blogs, Facebook und Twitter – wozu soll man eigentlich noch auf die Straße gehen? Viele sehen Demos wohl eher als Ritual für Revolutions-Nostalgiker.

Mal ehrlich: Wir haben doch so schöne, hübsche, animierte Emoticons, wozu also noch einen anderen Menschen umarmen oder küssen? – Was ich damit sagen will ist: Es ist doch ein fundamentaler Unterschied, ob ich einem vorkonfigurierten Account mit einem Klick meine Unterstützung ausdrücke oder ob ich mich mit einem Menschen von Angesicht zu Angesicht in eine leidenschaftliche Diskussion stürze.

Die Tipp-und-Klick-Revolte läßt doch eines missen, was für das Wachsen einer gesellschaftlichen Bewegung unabdingbar ist: nämlich dass sie auch emotional geladen ist, und damit verbunden das Wissen, dass die Träger dieser Bewegung Menschen sind und keine vernetzten digitalen Objekte.

Das Ereignis, das Erlebnis einer gemeinsamen Demonstration des eigenen Willens lässt sich schwerlich durch die Kommentarfunktion eines Blogs ersetzen. Für mich war es eine bewegende emotionale Erfahrung, als sich vor meinen Augen die Facebook-Gruppe aus einer Erscheinung auf meinem Bildschirm heraus in eine fröhliche Runde in einer Kneipe verwandelte und ich echte Menschen vor mir hatte.

Zudem ist eine bunte, laute und lebendige Versammlung von Menschen ein deutlich anderes Bild mit einer deutlich anderen Wirkung als die Ziffernfolge, die die Anzahl der Unterzeichner einer Petition definiert. Das digitale Second-Life mag alsbald in dreidimensionale Darstellungen vordringen, ich bleibe ganz nostalgisch beim Küssen.

Im TAZ-Artikel „Empörte kapern Alex“ vom 24. August steht, dass ihr noch nicht wisst, was ihr überhaupt dem heutigen System entgegensetzen wollt – mit dem Zitat “So weit sind wir noch nicht und da lassen wir uns auch nicht unter Druck setzen“. Warum geht man auf die Straße und demonstriert, ohne ein klares Ziel/einen klaren Plan zu haben?

Man kann einem Prozess schwerlich vorwerfen, dass er ein Prozess ist und kein abgeschlossenes Ergebnis. Dieser Abwertung vermag ich nicht zu folgen. Ein Aufbruch ist das Angebot, diesem zu folgen, sich diesem mit dem eigenen Wissen, den eigenen Vorstellungen, der eigenen Phantasie anzuschließen. Außerdem gibt es ein klares Ziel, nämlich sich aus der Entmündigung zu befreien und das bedeutet eben nicht, sich der nächsten Konstruktion zu unterwerfen, sondern sie Kraft eigener Ideen mit zu gestalten.

Es gibt eine ganze Reihe unterschiedlicher Herausforderungen zu bewältigen, in sozialer, kultureller, ökonomischer und ökologischer Hinsicht und es ist ein vermeidbarer Fehler, die Option auf die bestmöglichen Antworten jetzt schon durch den nächsten Königsweg zu beschneiden.

Wie soll es nach dem 15.10. weiter gehen?

Meine Wunschvorstellung ist, dass sich aus diesem Impuls heraus eine lebendige Bewegung entwickelt, die sich neue und überraschende Denk- und Vorstellungsräume erobert, in denen konkrete Lösungsansätze entwickelt werden können, als Voraussetzung für eine Politik, die sich in den Dienst der Menschen stellt.

Eine der größten Fähigkeiten des Menschen besteht darin sich vorstellen zu können, dass es einen besseren Weg gibt. Und wenn es gelingt, allein dieses Vorstellungsvermögen gegen den bedauernswerten, einengenden Pragmatismus zu kultivieren, ist schon einiges erreicht. Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass unser kreditbasiertes Geld und Wirtschaftssystem kein Naturereignis ist, dem wir ohnmächtig gegenüber stehen, sondern eine vom Menschen geschaffene Konstruktion, die sich auch vom Menschen wieder abschaffen lässt.

Im übrigen möchte ich mich durch den gern gemachten Vorwurf der Naivität nicht irritieren lassen, denn nicht selten hat sich die Naivität als eine originelle Brücke hin zu einem erstaunlichen Ergebnis bewiesen. Und um abschließend der Romantik noch eines drauf zu setzen, zitiere ich hier ein Rilke-Gedicht, das ich sehr mag und das ich auch oft in meinen Bühnenprogrammen verwende und über das es sich nachzudenken lohnt – (Lassen Sie sich bitte nicht durch den Begriff des „Göttlichen“ abschrecken. Es ist hier in meinem Verständnis kaum von Religion, sondern viel mehr von der Kraft des Lebendigen und seiner Fähigkeit zu staunen die Rede)

Gib deinem Herzen ein Zeichen,
dass die Winde sich drehn.
Hoffnung ist ohne gleichen
wenn sie die Göttlichen sehn.

Richte dich auf und verharre
still in dem großen Bezug;
leise löst sich das Starre,
milde schwindet der Bug.

Risse entstehn im Verhängnis
das du lange bewohnt,
und in das dichte Gefängnis
flößt sich ein fühlender Mond.

Alle Demotermine zum 15. Oktober im deutschsprachigen Raum sind hier aufgelistet.

Ein Kommentar to “Der 15. Oktober steht vor der Tür”

  1. Hut ab, lieber Ludo Vici, ein sehr bewegendes Interview, in dem du wunderbar treffend klärst, was so vielen Menschen auf der Seele lastet. Ich dachte schon, München sei eingeschlafen und bin hocherfreut zu entdecken, dass es solche Köpfe wie den Deinen beherbergt.
    Bei meiner letzten Demonstration (gegen die Nato-Sicherheits-Konferenz vor dem Irak-Überfall) stand ich im Schneematsch inmitten der Protestierenden eingekesselt von Eisenzäunen, hinter denen Hundertschaften von martialisch gekeideten Polizisten uns unsere Ohnmacht vor Augen führten – und ich sagte mir: “Sinnlos, das wars, Klappe zu, Affe tot.” Ich bin jetzt 70 Jahre alt und hatte mich die letzten Jahre voll zurückgezogen, jedoch “Occupy Wallstreet”, .und jetzt auch Deine Worte , haben das fast erlöschte Lichtlein der 60 er Jahre in mir wieder hell auflodern lassen :o ) Danke Dir für Dein Engagement und “die Hoffnung ohne gleichen”.

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