Reflexionen über Individuum und Kollektiv (Teil 1)

Seit Beginn dieses Jahres rollt eine Welle der Empörung um die ganze Welt. Es macht an dieser Stelle wenig Sinn, ein weiteres Mal auf die Entwicklung oder die öffentliche und mediale Wahrnehmung bzw. Deutung dieser Ereignisse einzugehen – brennender sind die Fragen nach dem wer, wofür und wie. Die Forderungen an die neuen „Bewegungen“ sind bei Beteiligten wie auch bei Beobachtern riesig; hinzu gesellt sich die Zeit als ungeduldige, schonungslose Weggefährtin. Gedankengänge von Jeff Hemmer
“Sei realistisch – realisiere das Unmögliche!”
Bei all diesen offenen Fragen lässt sich am ehesten noch das wer beantworten, denn gemeint sind, wir, also möglichst viele von uns, aber eben auch Du, lieber Skeptiker der sich eventuell nicht im „wir“ sieht aber eben dennoch Teil des Ganzen ist. So sind wir also letztendlich alle.
Das ist natürlich, ganz klar, Wunschdenken. Und doch darf ein Schwarm, der für den Aufbau einer menschlicheren Welt eintritt, niemals den Fehler begehen, sein tiefstes Anliegen an den Spott der Fischer zu verraten. Es würde bedeuten, sich in genau den Fangnetzen zu verheddern, aus denen wir doch endlich ausbrechen wollen. Also, in Anlehnung an einen alten Roman, der nie seinen Abschluss fand:
Wir müssen uns einen (überlebenswichtigen) Wirklichkeitssinn bewahren, um die Herausforderungen unserer Zeit klar zu erkennen. Den Weg aber, und wie weit wir ihn gehen können, bestimmt am Ende allein unser Möglichkeitssinn. Die Realität eines Augenblicks ist immer zugleich die tote Vergangenheit des folgenden, die Zukunft hingegen endet nie.
Wie nutzen wir dieses Potential, das uns die Zukunft bietet? Und welche Zukunft wollen wir eigentlich?
Der “Tahrir-Moment” – Symbol, Trugbild und Warnung zugleich
Einendes Moment der hier untersuchten weltweiten „Bewegungen“ ist zunächst, wenn man so will, ein empörtes Dagegen. Zumindest scheint dies die Legende zu sein, für die sich ein Großteil der kommentierenden Berufsjournalisten und Berufspolitiker längst entschieden hat. Auch jenen, die jeden Protest – und sehr gerne selbst die leiseste Kritik – mit überschäumendem Zynismus quittieren, gefällt diese Perspektive offenbar sehr.
Tatsächlich wäre es unehrlich und falsch, dies bestreiten zu wollen. Jeder Widerstand beginnt nun mal als Reaktion auf bestehende Zustände und Handlungen, die als nicht länger hinnehmbar empfunden werden und Unmut überhaupt erst hervorrufen.
All das beschreibt allerdings nur die halbe Wahrheit. Manches Pappschild rief im Mai der spanischen Sonne entgegen: “No somos contra todo, somos con tod@s.” Wir sind nicht gegen alles, wir sind mit allen. Und immer wieder tauchte ein Name auf: Tahrir - eine direkte Bezugnahme auf das Beispiel der ägyptischen Revolution (bei weitem kein abgeschlossener Prozess), stellvertretend für das Aufbegehren der Menschen in den nordafrikanischen und arabischen Staaten zu Beginn dieses Jahres – vielerorts: bis zu diesem Tag.
Und während sich die Begeisterung über die unerwartete Spanish Revolution langsam über ganz Europa verbreitete, folgte schließlich auch aus Nordamerika der Aufruf, doch bald der Wall Street in New York ihren ganz eigenen Tahrir Moment zu bescheren.
Die „Bewegung“ ist jetzt also „da“. Am vergangenen Samstag, dem 15. Oktober 2011 globalisierte sie sich schließlich vollends. Und je stärker sie wird, desto lauter werden die Fragen: Was genau will sie denn, die „Bewegung“? Und wie will sie das schaffen? Wird sie ob dieser Herausforderungen gar ebenso schnell wieder auseinander brechen, wie sie sich gefunden hat?
Vielen, die sich an der Ergründung dieser Fragen beteiligen, gerät dabei die eigentliche Stärke dieser „Bewegung“ – nämlich ihre Heterogenität – zu einem gefürchteten Stolperstein. Auf den bereits besetzten Plätzen treffen sich Menschen jeden Alters, mit den unterschiedlichsten Biografien und politischen Ansichten. Auf diesen Umstand wird immer wieder hingewiesen, mal stolz, mal mitleidig lächelnd.
Auffällige Unterschiede finden sich, wenn man die Entwicklungen von Land zu Land vergleicht. Die angeprangerten Missstände ähneln sich zwar, und ein gemeinsamer Zeitgeist treibt die Menschen auf die Straße, im Detail gestaltet sich die Aktion allerdings immer lokal. Das gemeinsame Handeln entwickelt sich erst aus den Vernetzungen der Menschen vor Ort und ist stark abhängig davon, wie diese Menschen miteinander umgehen, ob/welchen Nutzen sie aus den Erfahrungen Gleichgesinnter aus anderen Erdteilen ziehen können, und wie stark sie dabei von der politischen Kultur und den geschichtlichen Erfahrungen ihrer Heimat bestimmt werden.
Es liegt auf der Hand, dass sich die unter diesen Gesichtspunkten ins Auge gefassten Optionen (ebenso wie etwaige No-go´s) zum Teil deutlich unterscheiden können. Am deutlichsten wird dies derzeit vielleicht anhand eines Vergleichs des spanischen Beispiels mit den jüngsten Entwicklugen in den Vereinigten Staaten.
Auffällig (und im damaligen Kontext neu) an den spanischen Acampadas war ihre Ablehnung sämtlicher Parteien und Gewerkschaften, sowie ihre Kritik an so genannten “demokratischen” Entscheidungsprozessen, die weder den Anforderungen und Möglichkeiten unserer Zeit noch ihren angeblichen eigenen Ansprüchen gerecht werden. Aus dieser Haltung heraus entwickelten sich die Asambleas, die erst auf den zentralen Plätzen erprobt und aus den Erfahrungen heraus klarer umrissen wurden, und schließlich in der Aktion Toma los barrios gipfelten, die das praktizierte Modell der direkten Demokratie in die Vorstädte tragen sollte (auch, um einer lähmenden Zentralisierung entgegen zu wirken).
Die NYC General Assembly hat mittlerweile ein eigenes Manifest veröffentlicht (Original), doch es scheint, die Bewegung kann von der plötzlichen Aufmerksamkeit nicht nur profitieren. Wird es ein gekaperter Hype oder ein tief wurzelndes Gefühl?
Die Rolle der Gewerkschaften, die in den USA mancherorts als treibende Kraft auftreten, wird selbst in den Massenmedien ausführlich diskutiert. Auch die indianischen Gemeinschaften liefern wichtige Impulse, den Blick klarer zu schärfen.
Zudem existieren die 99% in den USA als progressives Pendant zu einer bereits vorhandenen (wenn auch Partei-betriebenen) konservativen “Protestbewegung”, der Tea Party. Dieser Umstand mag derzeit identitätsfestigend wirken; gleichzeitig ergeben sich innerhalb der Bevölkerung von Anfang an zwei Pole – also eine Situation, die dem tieferen Anliegen der 99% genau entgegengesetzt ist und langfristig zusätzliche Herausforderungen birgt.
Die Möglichkeit einer ähnlichen Entwicklung ist wohl auch in Europa gegeben – allerdings haben wir das Glück, noch nicht vor vollendeten Tatsachen zu stehen, sprich es gibt hier noch keine Bürgerbewegungen die in Konkurrenz zueinander stehen.
Schließt sich der Kreis, blickt man zurück auf Ägypten – so ist der Stand der Dinge nach der Euphorie des Frühlings ernüchternd. Die Frage nach einer Art Road-Map für die Bewegungen drängt sich auf, oder vielleicht, zumindest, einer Art Barometer, an dem sich ihre Erfolge und Rückschläge irgendwie aufzeigen oder messen lassen könnten – auch und vor allem um ihrer selbst Willen.














