Reflexionen über Individuum und Kollektiv (Teil 2)
Welche Erwartungen haben wir an die “Bewegungen”, mit welchen Schwierigkeiten sehen wir uns konfrontiert? Nachdem in Teil 1 dieses Beitrags diese Fragen vor allem aus einer kollektivistischen Sicht ergründete, beschäftigt sich Teil 2 mit der Frage was diese Entwicklungen für jeden Einzelnen bedeuten können. Gedankengänge von Jeff Hemmer
U R I M U – You Are I Am You
Ein, hoffentlich nicht repräsentatives, Beispiel aus den USA macht deutlich, wie wichtig die Entwicklung eines klaren Bewusstseins und klarer Zielsetzungen am Horizont sind, wenn der derzeitige Antrieb nicht einfach wieder verpuffen und in Selbsttäuschung enden soll. Ich schreibe das nicht aus einer herablassenden Perspektive heraus – ich schließe mich hier selbst mit Nachdruck ein. Ich versuche möglichst wachsam nachzudenken auch wenn dies nicht vor Fehlern schützt.
Wichtig scheint mir vor allem der folgende Gedanke: Es hängt alles vom einzelnen – sprich von jedem einzelnen – Menschen ab. Darin liegt meiner Meinung nach vielleicht die größte Herausforderung, aber auch darin, diesen Umstand nicht aufgrund panischer Überforderung als Gefahr aufzufassen.
Es ist ohne Frage wichtig, als Gemeinschaft Ziele formulieren oder eine Art Kompass entwickeln zu können. Die erste Reaktion auf die Proteste ist allzu oft: “Wie lautet das Programm?” Aber ist das nicht eine Frage, die erst einmal jeder Mensch für sich alleine klären muss? Alsbald erwächst ein ganzer Wald neuer Fragen:
Wo verortet man jeweils persönlich und kollektiv die „Ursachen“ der wahrgenommenen Missstände, wie benennt man sie und welche Form (etwa personell/strukturell/…) gibt man ihnen? Was erwartet man eigentlich selbst von diesen Protesten? Will man einen Bruch, einen fließenden Übergang, eine Reform, vielleicht doch nur einen Impuls – also, wie steht man zum aktuellen System, findet man es lediglich oder überhaupt „mangelhaft“ oder will man es komplett überwinden?
Wem misstraut man, und warum? Sucht man im Protest lediglich eine Verbesserung der eigenen Lebensumstände, oder orientiert man sein Handeln am Interesse aller? Wann hat das Hinterfragen ein Ende? Bleiben wir an einem Punkt stehen, begnügen uns mit einem halboffenen Weltbild, oder begreifen wir das Hinterfragen als permanenten Prozess?
Ein Weg sollte sich aus einer bewusst und konsequent eingenommenen Haltung eigentlich wie von selbst ergeben. Wenn wir uns gegen menschliches Handeln stellen, das Mensch, Tier und Umwelt zerstört, müssten wir eigentlich automatisch für alles eintreten, das Mensch, Tier und Umwelt befreit und schützt. Wir müssten uns bei Entscheidungen „lediglich“ immer wieder ehrlich und ergebnisoffen dieser Frage stellen – wir scheitern jedoch gerade daran, dass wir genau dies als Allgemeinheit nicht ernsthaft tun und dann ständig mit den Folgen dieser Inkonsequenz konfrontiert sind.
Obwohl im Zusammenhang mit den Demokratie-Bewegungen oft das Bild vom Bruch mit alten Systemen und Ideologien bemüht wird, ist es offensichtlich schwer, deren Denkrahmen vollständig zu entrinnen. Die Schwierigkeit gründet vielleicht, wenigstens teilweise, in dem Dilemma: Folgt man konsequent der Stimme seines Gewissens und löst sich dabei einen Moment von jeglichen „Realitäten“ – dann steht plötzlich vieles in Zusammenhang zueinander und scheint überwältigend und eventuell entmutigend. Denkt man konsequent innerhalb der Logik des Bestehenden und stößt ständig an Grenzen, schränkt man sich vorauseilend ein.
Wie weit muss man auf das Tagesgeschehen noch Bezug nehmen, darauf reagieren, oder lässt man derlei Ereignisse komplett außen vor und konzentriert sich auf den Aufbau von etwas Neuem? Ist das blauäugig, oder vielleicht notwendig – kollektiv?
In Bezug auf die Situation in Deutschland kann dies beispielsweise bedeuten: Wähle ich eine neue Partei oder finden meine Anliegen ihren Ausdruck erst in der außerparlamentarischen Aktion? Oder versuche ich vielleicht doch, irgendwie beide Wege zu kombinieren – und was ergibt sich daraus? Kann das funktionieren, oder ist dies ein Holzweg? Worauf konzentriere ich meine Energie und mein Vertrauen?
Unsere politische Realität – die abstrakte, die uns den Rahmen unseres Lebens vorgibt (und sich während jeder Legislaturperiode verändert), die Vorstellungen, die wir bilden, die Gedanken nach denen wir die Welt für uns deuten – sie existiert real. Gleichzeitig ist sie doch nur erdacht – wenn wir sie umdenken, leben wir anders. Denn wir leben immer so, wie wir es uns denken.
Ob wir uns von diesem Umstand einengen lassen oder ihn bewusst zum Antrieb unserer Hoffnungen erheben, daraus leitet sich unser eigener Handlungsspielraum ab. Das bedeutet letztlich, dass jeder einzelne Mensch seine Haltung, sein Denken und seine Interessen klar ergründen und hinterfragen muss. Wieso denke ich so oder so? An welchem Punkt löse ich mich aus starren Denkmustern, nur um in andere zu verfallen?
Versuche ich, die Perspektive anderer zu verstehen – damit ich mich überhaupt erst konstruktiv mit ihnen austauschen kann, vor allem dann wenn deren Standpunkt mich irritiert – oder bin ich derart von meinen eigenen Denkschlössern überzeugt, dass ich auf gewisse andere Menschen verzichten kann?
Verneine ich mit einer derart selbstgefälligen Haltung nicht letztlich auch mich selbst, meinen eigenen Anspruch auf Respekt, Freiheit und Leben? Indem ich von vorneherein wieder Grenzen einbaue, und nicht alle Menschen gleich behandle?
Wenn man sich auf diese Weise selbst beobachtet, wird man sich zwangsläufig nicht immer gefallen. Vielleicht erkennt man sein eigenes Handeln als hässlich und unmenschlich. Das moderne Ego ist nicht unbedingt darauf konditioniert, mit einer solchen Einsicht klar zu kommen und daran zu wachsen. Oft macht es Menschen nur aggressiver, sie fühlen sich von äußeren Zwängen getrieben, unschuldig und ungerecht behandelt, und legitimieren damit für sich ihre Ellbogen. Am Ende brauchen dann alle Ellbogen und das kollektive Rundum-Hacken wird zum System.
Direkte Demokratie allein wird das auch nicht ändern. Kein System kann das ändern. Das bedeutet nicht, dass die Proteste eine Pause einlegen sollten. Aber wer nur auf die Straße geht um gegen die Finanzwelt und ein paar Politiker anschreit, und damit dann zufrieden ist, wird sich früher oder später in der ewig alten Schlammkuhle wieder finden. Eine solche Einstellung zur Welt birgt in sich bereits den Samen für die nächste Klassengesellschaft, repressive Strukturen und Schubladendenken, verbohrte Grabenkämpfe um Nebenschauplätze und starre Hierarchien die rein sich selbst genügen.
Ein alter Gedanke, der für manche vielleicht auch eine Floskel ist, die nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen mag, lautet: „dass letztlich jeder Mensch versuchen muss, sich in den Anderen zu erkennen und sie zu achten wie sich selbst.“
Letztendlich steht und fällt jede emanzipatorische Bewegung mit dem unbedingten Ernst, den sie diesem Gedanken entgegen bringt, oder abspricht. Sobald Zweck und Mittel sich nicht mehr aus dem gleichen Bewusstsein speisen, klaffen sie auseinander. Schlimmer, das Vertrauen in die jederzeitige Möglichkeit eines Wandels muss dabei langfristig auf der Strecke bleiben bis es heißt: “Es wurde doch versucht, und hat nicht geklappt. Was wollt ihr Deppen denn noch?”
Sein oder nicht sein, Wind oder Treibgut, das ist die Frage?
Die Antwort auf die Frage nach einer Road-Map bleibe ich schuldig. Das ist nur logisch. Es liegt nicht an mir (oder an Dir, an ihr oder ihm), sie im Alleingang zu finden – wenn diese Suche nicht gemeinsam getragen wird, wird sie ins Leere laufen. Wir müssen mehr auf einander hören, und dürfen das nicht länger mit einander nachlaufen verwechseln.
Denn: Je mehr diese „Bewegungen“ anwachsen, um so öfter wird es Momente geben, die die Weichen stellen für die nächsten Schritte, was jedoch ebenso auf den jetzigen politischen und zwischenmenschlichen Alltag zutrifft. Es wird manchmal keine Zeit bleiben, über Entscheidungen lange nachzudenken. Umso wichtiger ist es in solchen Momenten, dass das Kollektiv, egal wo und wie groß, diese Entscheidungen sehr bewusst und aus einem weiteren Verständnis ableitet, und gegen Kurzschlussreaktionen gefeit ist. Denn hier liegt die eigentliche Achillesferse:
Momente, in denen akute Situationen eintreten, die die Menschen plötzlich wieder vor sich hertreiben. Dies kann der Moment sein, in dem eine Demonstration gewaltsam aufgelöst wird und sich der Wunsch nach Gegenwehr aufdrängt, obwohl man doch friedlich bleiben wollte. Oder der Moment, in dem es vielleicht unbedingt wichtig erscheint, dieses oder jenes zu reglementieren, und im Zeitdruck die Frage nach dem „wie“ vielleicht das „ob“ ablöst, ohne die möglichen Folgen zu beachten. Oder, bereits sehr weit gedacht, der Punkt, an dem sich die Frage nach dem „angebrachten“ Umgang mit „Schuldigen“ stellt (oder die Frage, ob/wer „Schuldige/r“ ist, wo man Grenzen zieht, etc.), oder der Verteidigung gegen Waffengewalt.
Kämpfen wir mit unseren eigenen Mitteln – und wäre das etwa: Menschlichkeit, die Gewaltlosigkeit in letzter Konsequenz verlangt, da wir eine Gesellschaft ohne Gewalt erleben möchten? – oder lassen wir uns ablenken und in fremden Schuhen in die Irre drängen?
Eine (oder mehrere) Road Maps können immer nur die Richtung vorgeben, aber die Hindernisse unterwegs sind nicht von vornherein ersichtlich oder immer strikt nach Plan zu bewältigen.
Solange man sich dabei rein als Opfer betrachtet, bleibt man auf einem Auge blind. Man kann sozioökonomisch ein Opfer des bestehenden Systems sein und trotzdem zwischenmenschlich, im rein privaten Bereich, genau denselben Mist reproduzieren, vielleicht ohne dies überhaupt zu merken. Das ist ein innerer Kampf, der nie enden darf, solange man lebt. Ein Lernprozess, der wohl auch eine gewisse Demut verlangt.
Insofern bedeutet für mich „revolutionär“ oder „radikal“ vielleicht schlicht, sich seiner eigenen Position immer bewusster zu werden, und sich immer wieder aufs Neue zu reflektieren, sobald die eigene Nasenspitze sich ins Sichtfeld tränkt. Dies macht diese Begriffe wiederum überflüssig – sie werden leer und austauschbar, sie können sich als Worthülsen keiner Deutung verwehren und verleiten somit eher noch zu Selbstgefälligkeit und spalterischen Profilneurosen, zur erneuten Elitenbildung.
Vielleicht könnte man sagen, es ist weniger wichtig, ob/was/dass man „etwas mitbringt“, als dass man möglichst viel erstmal „zuhause lässt“ und versucht, zumindest in Gedanken eine Art Tabula Rasa herzustellen.
Das Selbstbild, das sich diese Gesellschaft die letzten, wenigstens 30 Jahre, gebastelt hatte, bricht derzeit zusammen, wie jedes Selbstbild zuvor. Möchte man die Dinge so sehen, folgt daraus der Schluss: Wir müssen lernen, Bilder zu hinterfragen – vor allem dann wenn sie uns instinktiv gefallen – wir dürfen auch uns selbst nicht mehr zu Bildern machen oder machen lassen. Bilder werden aufgehängt oder an Wände genagelt, und das, was sie bestenfalls bewegen, zieht immer an ihnen vorbei.
Dieses Schicksal wünsche ich uns nicht; und was meine persönliche Reaktion auf unsere Zeiten betrifft, ist dies wohl meine größte Angst. Wir stehen vor einer Riesen-Herausforderung – aber sie ist wunderschön, und ich denke, wir sollten sie wagen, ihr vertrauen und helfen. Als Menschen sollten wir uns diesen Aufwand wert sein.
Anmerkungen des Autors:
- Dieser Beitrag entstand unter dem Eindruck einer Kommentardiskussion, die ich hiermit noch einmal ausdrücklich empfehlen möchte.
-Ich schreibe oft aus einer Wir-Perspektive heraus, denn wir sitzen alle im gleichen Boot; der Text bleibt meine persönliche Meinung, ich möchte mir nicht anmaßen, damit andere zu repräsentieren oder ‘richtig(er)’ zu liegen als diese mit ihren Ansichten.

















