#FreeAlaa / Ein Brief aus Ägypten

“A kitten dies everytime you say arab spring, it is called revolution fuckers!”

Kurz kommentiert von Florian Hauschild

Gestern wurde in Ägypten der systemkritische Blogger Alaa Abd El Fattah inhaftiert. Alaa spielte schon beim Sturz von Husni Mubarak eine wichtige Rolle und äußerte sich kürzlich sehr kritisch zu den Vorgängen um den 9. Oktober 2011, als 28 Demonstranten durch Angriffe der Ägyptischen Armee getötet wurden.

El Fattah soll nun für 15 Tage festgehalten werden, offenbar ein Versuch der Einschüchterung seitens der Militärverwaltung, die nach dem Sturz Mubaraks zunächst die Kontrolle im Land übernommen hatte. Anders als von vielen hiesigen Konzernmedien dargestellt, geht der Kampf der Ägypter um Freiheit und Selbstbestimmung weiter.

Was hier gerne als „Arabischer Frühling“ abgetan wird, ist als viel längerer Prozess zu verstehen, der längst nicht abgeschlossen ist. Bereits Mitte letzter Woche erreichte uns hierzu ein anonymer Brief, der nach umfangreicher Prüfung ägyptischen Aktivisten zuzuschreiben ist. In diesem Brief schildern die Gefährten aus Nordafrika ihren Kampf um freie Meinungsäußerung, öffentliche Räume und politische Teilhabe. Gleichsam schildern die Ägypter die Repressalien seitens des Regimes und senden Solidaritätsgrüße an die Demonstranten in den USA und Europa.

Der Brief zeugt von einem tiefen Verständnis für wirtschaftliche und finanzpolitische Zusammenhänge und widerlegt die fehlerhafte Darstellung der deutschen Konzernpresse, dem Ägyptischen Volk wäre es einzig um den Sturz Mubaraks gegangen. Die Strategie hinter dieser Darstellung ist wahrscheinlich recht banal: „Es gibt keine Revolution, bitte gehen Sie weiter. Es gab nur einen arabischen Frühling und wie wir alle sehen, endete dieser in einer Militärdiktatur. Es ist also besser alles so zu lassen wie es ist…!“

Und während auch in Deutschland Sicherheitsparanoiker und Kontrollfreaks weiter am Überwachungsstaat zimmern, zeigt uns der Fall Alaa Abd El Fattah welchem Zweck eben jene Überwachungsmaßnahmen dienen sollen: Kritiker mundtot zu machen, Aktivisten einzuschüchtern. Denn letztendlich ist dies das einzige was „sie“ tun können. Drum gilt: Wehret den Anfängen! #FreeAlaa!

 

Solidaritätsbrief aus Kairo

 

An alle, die in den Vereinigten Staaten derzeit Parks, Plätze und andere öffentliche Räume besetzen, eure Kameraden in Kairo beobachten euch in Solidarität. Nachdem wir sehr viele Ratschläge von euch für den Übergang zur Demokratie erhalten haben, dachten wir uns, dass wir an der Reihe sind, einige Ratschläge weiterzugeben.

In der Tat sind wir nun in vielerlei Hinsicht an dem gleichen Kampf beteiligt. Dieser Kampf, den die meisten Experten den “arabischen Frühling” nennen, hat seine Wurzeln in den auf der ganzen Welt stattfindenden Demonstrationen, Unruhen, Streiks und Besetzungen. Ihre Fundamente liegen in den jahrelangen Kämpfen von Menschen und Volksbewegungen. Der Moment, indem wir uns gerade befinden, ist nichts Neues, da wir Ägypter und andere gegen Unterdrückungssysteme, Entmündigung und die unkontrollierten Reißzähne des globalen Kapitalismus (ja, wir sagten es, Kapitalismus) gekämpft haben: ein System, das eine Welt erschaffen hat, die gefährlich und grausam ist für ihre Bewohner. Während die Interessen der Regierung zunehmend den Interessen und Annehmlichkeiten des privaten, transnationalen Kapitals gerecht werden, verwandeln sich unsere Städte und Häuser zunehmend in abstrakte und gewalttätige Orte, in Gegenstände der willkürlichen Verwüstungen der nächsten wirtschaftlichen Entwicklung oder Stadterneuerungs-Regelung.

Eine gesamte Generation ist rund um den Globus herangewachsen, der rational sowie emotional klar geworden ist, dass wir in der gegenwärtigen Ordnung der Dinge keine Zukunft haben. Unter den Strukturanpassungsmaßnamen und der vermeintlichen Expertise internationaler Organisationen wie der Weltbank und des IWF lebend sahen wir zu, wie unsere Ressourcen, Industrien und öffentliche Dienste ausverkauft und zerlegt wurden, während der “freie Markt” eine Abhängigkeit von ausländischen Gütern, sogar von ausländischen Lebensmitteln, forcierte. Die Profite und Vorteile dieser befreiten Märkte gingen woandershin, während Ägypten und andere Länder im Süden ihre Verelendung durch eine massive Erhöhung der Polizei-Repression und Folter verstärkt fanden.

Die gegenwärtige Krise in Amerika und Westeuropa hat damit begonnen, diese Realität auch zu euch nach Hause zu bringen: dass wir uns unter den gegebenen Umständen mit, durch persönliche Verschuldung und öffentliche Sparpolitik gebrochenem Rücken kaputt arbeiten werden müssen. Nicht zufrieden mit dem Aushöhlen der Überreste der Öffentlichkeit und des Wohlfahrtsstaates, greifen nun der Kapitalismus und der Autoritätsstaat sogar den privaten Bereich und das Recht der Menschen auf menschenwürdige Unterkunft an, während Tausende von verdrängten Hausbesitzern sich sowohl obdachlos, als auch bei genau den Banken verschuldet sehen, welche sie auf die Straße gezwungen haben.

Also stehen wir auf eurer Seite nicht nur in eurem Versuch, das Alte zu stürzen, sondern auch in eurem Bestreben, mit dem Neuen zu experimentieren. Wir protestieren nicht. Wer ist anwesend, gegen den protestiert werden kann? Was könnten wir von ihnen fordern, das sie auch gewähren könnten? Wir besetzen. Wir fordern eben jene Räume des öffentlichen Handelns zurück, die kommodifiziert, privatisiert und in den Händen der gesichtslosen Bürokratie, Immobilienportfolios und Polizei-”schutz” gefangen genommen wurden. Haltet fest an diesen Räumen, pflegt sie, und lasst die Grenzen eurer Besetzungen wachsen. Wer hat schließlich diese Parks, diese Plätze, diese Gebäude gebaut? Wessen Arbeit machte sie real und lebenswert? Warum sollte es uns so selbstverständlich vorkommen, dass sie uns vorenthalten werden, polizeilich überwacht und diszipliniert? Die Zurückforderung und die gerechte und kollektive Verwaltung dieser öffentlichen Räume ist Beweis genug für unsere Legitimität.

In unsere eigenen Besetzungen von Tahrir trafen wir auf Leute, die unter Tränen den Tahrirplatz betraten, weil es das erste Mal war, das sie durch jene Straßen liefen, ohne von der Polizei belästigt zu werden; nicht nur die Ideen sind wichtig, diese öffentlichen Räume sind elementar für die Möglichkeit einer neuen Welt. Dies sind öffentliche Plätze. Plätze für Versammlung, Freizeit, Treffen und Interaktion – diese Plätze sollten der Grund sein, warum wir in Städten leben. Wo der Staat und die Interessen der Besitzer sie unzugänglich, exklusiv oder gefährlich gemacht haben, liegt es an uns, sicherzustellen, dass sie sicher, inklusiv und gerecht sind. Wir müssen sie weiterhin für jedermann öffnen, der eine bessere Welt gestalten möchte, besonders für die marginalisierten, ausgeschlossenen und für jene Gruppen, die am meisten gelitten haben.

Was ihr in diesen Räumen tut ist weder so grandios und abstrakt noch alltäglich wie “echte Demokratie”; die aufblühenden Formen des Umsetzens und des sozialen Engagements, die in den Besetzungen betrieben werden, vermeiden die leeren Ideale und den schalen Parlamentarismus, die das Wort Demokratie mittlerweile repräsentiert. Also müssen die Besetzungen weitergehen, weil niemand übrig ist, um auf Reformen zu drängen. Sie müssen weitergehen, weil wir das erschaffen, worauf wir nicht länger warten können.

Aber die Ideologien von Besitz und Anstand werden sich erneut manifestieren. Ob durch den offenen Widerstand von Grundbesitzern oder öffentlichen Verwaltungen gegen eure Camps oder durch subtilere Versuche, Räume durch Verkehrsregeln, Regeln gegen das Campen oder Gesundheits- und Sicherheitsregeln zu kontrollieren. Es gibt einen direkten Konflikt zwischen dem, was wir aus unseren Städten zu machen versuchen und was das Gesetz und die Polizeisysteme, die dahinter stehen, uns gestatten.

Wir haben uns solch direkter und indirekter Gewalt gegenübergestellt, und tun das immer noch. Diejenigen, die gesagt haben, die ägyptische Revolution sei friedlich, haben nicht die Schrecken wahrgenommen, denen uns die Polizei ausgesetzt hat, noch haben sie den Widerstand und sogar die Gewalt wahrgenommen, die die Revolutionäre gegen die Polizei eingesetzt haben, um ihre versuchten Besetzungen und Widerstände zu verteidigen: nach den Angaben der Regierung selbst wurden 99 Polizeiwachen in Brand gesetzt, Tausende Polizeiautos zerstört und alle Büros der regierenden Partei wurden überall in Ägypten niedergebrannt. Barrikaden wurden errichtet, Polizeibeamte zurückgeschlagen und mit Steinen beworfen, noch während sie mit Tränengas und scharfer Munition auf uns schossen. Aber am Ende des 28. Januars hatten sie sich zurückgezogen, und wir hatten unsere Städte erobert. Es ist nicht unser Wunsch, Gewalt auszuüben, aber es ist noch weniger unser Wunsch, zu verlieren.

Wenn wir nicht aktiv Widerstand leisten, wenn sie kommen, um sich zu nehmen, was wir zurück gewonnen haben, dann werden wir mit Sicherheit verlieren. Verwechselt die Taktik, die wir verfolgten, als wir “friedlich” riefen, nicht mit einer Fetischisierung der Gewaltlosigkeit; wenn der Staat sofort aufgegeben hätte wären wir vor Freude überwältigt gewesen. Aber da sie versucht haben, uns zu missbrauchen, uns zu schlagen, uns zu töten, wussten wir, dass es keine andere Möglichkeit gab, als zurück zu schlagen. Hätten wir uns zu Boden geworfen und es erlaubt, uns zu  verhaften, zu foltern und  zu Märtyrern gemacht zu werden um “eine Aussage zu machen”, wären wir um nichts weniger blutig geschlagen und getötet worden. Seid darauf vorbereitet, die Dinge zu verteidigen, die ihr besetzt habt, die ihr errichtet, denn nachdem alles andere von uns genommen wurde, sind diese wieder eingenommenen öffentlichen Räume sehr kostbar für uns.

Um es zusammenzufassen, ist unser einziger wirklicher Ratschlag an euch, weiterzumachen und nicht aufzuhören. Besetzt mehr, findet euch zusammen, baut größere und immer größere Netzwerke und hört nicht auf, neue Wege zu finden, mit sozialem Leben, Konsensfindung und Demokratie zu experimentieren. Entdeckt neue Wege, diese Freiräume zu nutzen, entdeckt neue Wege, an ihnen festzuhalten, und gebt sie nie wieder auf. Wehrt euch kraftvoll, wenn ihr angegriffen werdet, aber andernfalls habt Spaß an dem, was ihr tut, nehmt es leicht, habt Spaß. Wir alle sehen nunmehr all unsere Aktionen, und wir aus Kairo möchten euch sagen, dass wir in Solidarität zu euch stehen, und dass wir euch lieben für das was ihr tut.

Die Gefährten aus Kairo

Der Brief wurde bereits vergangene Woche auf alex11.org  veröffentlicht.

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7 Kommentare to “#FreeAlaa / Ein Brief aus Ägypten”

  1. Danke für die Veröffentlichung des Solidaritätsbriefes aus Ägypten. Er gibt allen Mut!

    Durch meine Kontakte zu Menschen in Ägypten wusste ich bereits, dass der “Ägyptische Frühling” nicht abgeschlosssen ist, wie uns hier von den offiziellen Medien glauben gemacht wird, sondern dass das Ringen um neue Formen der Gesellschaft und Demokratie weitergeht – und dass die “Muslimische Bruderschaft” von den westlichen Staaten und vom Militär hofiert und installiert wird, von den Menschen jedoch nicht gewünscht ist. Es ist nicht so, wie uns glauben gemacht werden soll, dass die Ägypter “zu Demokratie nicht fähig seien”. Es ist einfach so, dass sie sich a) nicht ver*rschen lassen wollen und b) ihre Vorstellungen einfach unterdrückt und nicht gehört werden.

    In Kairo versammeln sich die Menschen nach wie vor jeden Freitag auf dem Tahrir!

  2. “Es ist nicht so, wie uns glauben gemacht werden soll, dass die Ägypter „zu Demokratie nicht fähig seien“

    waaaaaaa, wo steht das? ist ja hart … wieso sollte eine bevölkerung zu demokratie nicht fähig sein? hört sich nach hammerharten rassismus an.

    • Habe ich an verschiedenen Stellen in verschiedenen Artikeln gelesen, immer da, wo es darum ging, dass die Ägypter außer den Mubarak aus dem Amt zu jagen nichts geschafft hätten. Habe leider keinen aktuellen Link parat. Wenn ich wieder einen entsprechenden Artikel finde, poste ich den Link hier.

  3. Bravo: zu jedem kleinen und großen Thema gilt es, auf die sozialen Strukturen hinzuweisen. Und die Grundaussage ist nun einmal unabweisbar: der globale Turbokapitalismus ist unmenschlich und schlicht ein Verbrechen. Woanders habe ich das so formuliert, um einem aktuellen Thema ein klares Profil zu geben:

    http://Unterschiede-unterscheiden.blogspot.com

  4. Wer will soll hier berichten, korrigieren und Solidaritätsworte an die ägyptischen Gefangenen schicken. Junge Aktivisten zusammen mit 12.000 Zivilisten stehen unter Militärgerichtsprozess in Ägypten. http://titanpad.com/zQPE8UBznN

  5. Danke für diese Liebeserklärung aus Kairo!
    Danke für diese vorgelebte Solidarität.
    Ich hoffe so dass wir uns endlich erheben und aufbegehren,
    gegn das was sie uns zumuten.

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