Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace

John Perry Barlow, aus dem Englischen von Stefan Münker

Mit verschiedenen Gesetzesvorhaben wird derzeit in den USA versucht die Freiheit im Internet einzuschränken. Auch in der EU droht ähnliches durch ACTA, ein weltweites Handelsabkommen gegen “Produktpiraterie”, das derzeit über die Umwege des Fischereiausschusses in die EU-Bürokratie einzuschleust werden soll.

1996 veröffentlichte der US-amerikanische Autor John Perry Barlow seine “Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ als Antwort auf ähnliche Gesetzesvorhaben der damaligen Regierung Clinton. Ein Text, der bis heute nichts an seiner Brisanz verloren hat. Wer sich dieser Unabhängigkeitserklärung anschließen will verbreitet und/oder multipliziert diese:

John Perry Barlow – Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace

Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.

Wir besitzen keine gewählte Regierung, und wir werden wohl auch nie eine bekommen – und so wende ich mich mit keiner größeren Autorität an Euch als der, mit der die Freiheit selber spricht. Ich erkläre den globalen sozialen Raum, den wir errichten, als gänzlich unabhängig von der Tyrannei, die Ihr über uns auszuüben anstrebt. Ihr habt hier kein moralisches Recht zu regieren noch besitzt Ihr Methoden, es zu erzwingen, die wir zu befürchten hätten.

Regierungen leiten Ihre gerechte Macht von der Zustimmung der Regierten ab. Unsere habt Ihr nicht erbeten, geschweige denn erhalten. Wir haben Euch nicht eingeladen. Ihr kennt weder uns noch unsere Welt. Der Cyberspace liegt nicht innerhalb Eurer Hoheitsgebiete. Glaubt nicht, Ihr könntet ihn gestalten, als wäre er ein öffentliches Projekt. Ihr könnt es nicht. Der Cyberspace ist ein natürliches Gebilde und wächst durch unsere kollektiven Handlungen.

Ihr habt Euch nicht an unseren großartigen und verbindenden Auseinandersetzungen beteiligt, und Ihr habt auch nicht den Reichtum unserer Marktplätze hervorgebracht. Ihr kennt weder unsere Kultur noch unsere Ethik oder die ungeschriebenen Regeln, die unsere Gesellschaft besser ordnen als dies irgendeine Eurer Bestimmungen vermöchte.

Ihr sprecht von Problemen, die wir haben, aber die nur Ihr lösen könnt. Das dient Eurer Invasion in unser Reich als Legitimation. Viele dieser Probleme existieren gar nicht. Ob es sich aber um echte oder um nur scheinbare Konflikte handelt – wir werden sie lokalisieren und mit unseren Mitteln angehen. Wir schreiben unseren eigenen Gesellschaftsvertrag. Unsere Regierungsweise wird sich in Übereinstimmung mit den Bedingungen unserer Welt entwickeln, nicht Eurer. Unsere Welt ist anders.

Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben.

Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich ethnischer Zugehörigkeit, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft.

Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen.

Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persönlichkeit, Freizügigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu. Sie alle basieren auf der Gegenständlichkeit der materiellen Welt. Es gibt im Cyberspace keine Materie.

Unsere persönlichen Identitäten haben keine Körper, so dass wir im Gegensatz zu Euch nicht durch physische Gewalt reglementiert werden können. Wir glauben daran, dass unsere Regierungsweise sich aus der Ethik, dem aufgeklärten Selbstinteresse und dem Gemeinschaftswohl eigenständig entwickeln wird. Unsere Identitäten werden möglicherweise über die Zuständigkeitsbereiche vieler Eurer Rechtssprechungen verteilt sein. Das einzige Gesetz, das alle unsere entstehenden Kulturen grundsätzlich anerkennen werden, ist die Goldene Regel. Wir hoffen, auf dieser Basis in der Lage zu sein, für jeden einzelnen Fall eine angemessene Lösung zu finden. Auf keinen Fall werden wir Lösungen akzeptieren, die Ihr uns aufzudrängen versucht.

In den Vereinigten Staaten habt Ihr mit dem “Telecommunications Reform Act” gerade ein Gesetz geschaffen, das Eure eigene Verfassung herabwürdigt und die Träume von Jefferson, Washington, Mill, Madison, Tocqueville und Brandeis beleidigt. Diese Träume müssen nun in uns wiedergeboren werden.

Ihr erschreckt Euch vor Euren eigenen Kindern, weil sie Eingeborene einer Welt sind, in der Ihr stets Einwanderer bleiben werdet. Weil Ihr sie fürchtet, übertragt Ihr auf Eure Bürokratien die elterliche Verantwortung, die Ihr zu feige seid, selber auszuüben. In unserer Welt sind alle Gefühle und Ausdrucksformen der Humanität Teile einer umfassenden und weltumspannenden Konversation der Bits. Wir können die Luft, die uns erstickt, von der nicht trennen, die unsere Flügel emporhebt.

In China, Deutschland, Frankreich, Russland, Singapur, Italien und den USA versucht Ihr, den Virus der Freiheit abzuwehren, indem Ihr Wachposten an den Grenzen des Cyberspace postiert. Sie werden die Seuche für eine Weile eindämmen können, aber sie werden ohnmächtig sein in einer Welt, die schon bald von digitalen Medien umspannt sein wird.

Eure in steigendem Maße obsolet werdenden Informationsindustrien möchten sich selbst am Leben erhalten, indem sie – in Amerika und anderswo – Gesetze vorschlagen, die noch die Rede selbst weltweit als Besitz definieren. Diese Gesetze würden Ideen als nur ein weiteres industrielles Produkt erklären, nicht ehrenhafter als Rohmetall. In unserer Welt darf alles, was der menschliche Geist erschafft, kostenfrei unendlich reproduziert und distribuiert werden. Die globale Übermittlung von Gedanken ist nicht länger auf Eure Fabriken angewiesen.

Die zunehmenden feindlichen und kolonialen Maßnahmen versetzen uns in die Lage früherer Verteidiger von Freiheit und Selbstbestimmung, die die Autoritäten ferner und unwissender Mächte zurückweisen mussten. Wir müssen unser virtuelles Selbst Eurer Souveränität gegenüber als immun erklären, selbst wenn unsere Körper weiterhin Euren Regeln unterliegen. Wir werden uns über den gesamten Planeten ausbreiten, auf dass keiner unsere Gedanken mehr einsperren kann.

Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die Eure Regierungen bislang errichteten.

John Perry Barlow (barlow@eff.org) Davos, Schweiz, 8. Februar 1996

(Deutsch von Stefan Münker mit freundlicher Genehmigung zur Zweitveröffentlichung. Im Original auf telepolis.)


creativ commons


Warum spenden?: Selbstverständnis eines Bloggers – Journalismus im schwarmintelligenten Wandel

Zum Thema:

- Julian Assange: Verschwörung als Regierungshandeln – Das Wikileaks-Manifest

About these ads

13 Responses to “Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace”

  1. Das klingt alles sehr edel, freiheitlich und human. Doch stimmen denn die Denkvoraussetzungen? So immateriell, wie hier argumentiert wird, scheint mir der Cyberspace doch gar nicht zu sein. Ohne meinen Computer, und der steht doch ganz massiv vor mir, ist diese erträumte freiheitliche und freizügige Welt der Bytes und Bits doch verdammt hart und realistisch an die Materie gebunden: Da sind die geldfressenden Provider, dann ist da das riesige weltumspannende Kabelnetz, das auch nicht aus geträumter Luft besteht und Milliarden verschlungen hat, die sich doch Zinsen tragend regen wollen. Millionen Menschen haben ihren realen Job schon damit, und sie verdienen ihr Geld damit, dass dieser Fleischlose und körperfremde Cyberspace sich als stehende Welle allen Gedachtens sich weben und regen kann. Körperloses gibt es in diesem Universum nicht, auch der Geist ist an blutvolle Körper gebunden und schwebt nicht ungreifbar und unangreifbar irgendwo in einem unfassbaren und unerfassbaren “Raum”. Der Cyberspace ist eine Realität und er wird Ordnung brauchen, um nicht ein rauchendes Chaos zu werden. Und noch ist nicht entschieden, ob diese Ordnung als reine Selbstreferenz entstehen und sich auch halten kann. Es gibt keine Zeugung aus dem Nichts, so wie es keinen Geist gibt und nie geben wird, der nicht in den Gehirnen von lebenden Menschen seine materielle Basis haben muss. Freiheit ohne Ordnung kann es nicht geben, auch wenn diese ordentliche Freiheit sich aus dem humansten Streben heraus zu entfalten versucht. Und Freiheit, die Schaden anrichtet, muss sich selbst zum Guten limitieren. Ein jeder freischwebender Cyborg muss einmal aufs Klo, und wenn er seine Art nicht aussterben lassen will, wird er um realen Sex nicht herum kommen. Und spätestens dann kollidiert die Cyberwelt mit der Welt des alles ermöglichenden Materiellen. Und in dieser Welt sind dann harte Eingriffe immer möglich und wohl unvermeidlich. Freischwebender Idealismus ist wie Geist ohne Scheisse.

  2. Jo, alles super….nur können sich die Regierungen die besten Hacker der Welt einfach KAUFEN…denn die sind meistens käuflich….alles nur eine Frage des Preises….entweder sie lassen sich kaufen…oder… Mit diesen LohnSklaven kann dann froh und munter weiter im Net zensiert, spioniert und gelogen werden…alles im Intresse von…. ja von wem eigentlich? sicherlich nicht der Allgemeinheit

  3. @dieterbohrer auch dein geist ist hirn gebunden also an materie, jeder geist der mit/in der materiellen ebene komunizieren möchte, braucht materie um sich zu manifestieren, sprich, um ihn zu hören

  4. wenn ich der beste hacker der welt wäre,würde ich auch eine steckerrausziehvorrichtung installieren-ähnlich dem vogel,der mit einem stückchen weissbrot die intelligenzbestie in CERN lahmgelegt hat-zumal freiheit für mich etwas mit vertrauen und bedingungsloser hingabe,integrität und verantwortung zu tun hat-so ziemlich das gegenteil von dem wovon der herr barlow hier schreibt-menschwerdung passiert nur offline sonst nirgendwo-im umkehrschluß bedeutet meine unabhängigkeitserklärung eine absage an den cyberspace-es sei denn ich will eine deus ex maccina kreieren-ja dann brauche ich natürlich einen cyberspace in dem fall würde ich als der beste hacker der welt zusehen,dass der materielle zugang dazu für alle menschen offensteht-der rechner wird damit zum menschenrecht…

  5. … ja, egal, WAS Ihr tut, in LETZTER Konsequenz kommt es auf Eure GRUNDHaltung an: http://youtu.be/L9DMkiD1wlw ! Ihr gestaltet die Welt, mit EURER GRUNDHaltung. -es liegt BEI EUCH SELBST! JEDER kann etwas tun, mit SEINER GRUNDHALTUNG! -für eine Welt, wo Menschlichkeit drin ist, wo Mensch drauf steht.

  6. Der Ansatz von John Perry Parlow war 1996 bahnbrechend. In der Zwischenzeit könnte man bei oberflächlicher Betrachtung meinen, die “Giganten aus Fleisch und Stahl” hätten den Krieg gewonnen. Selbst Parlow konnte zum Zeitpunkt des Erscheinens der Erklärung diese Entwicklung nicht absehen, wie er später schreibt (“we all get older and smarter” http://reason.com/archives/2004/08/01/john-perry-barlow-20/4 ).

    Die Zeit war 1996 dafür noch nicht reif.
    Ist sie es heute?
    Für mich ist dieser Text jedenfalls sehr aktuell.

    Man sollte eine Art Petition dieser Erklärung einrichten, wo alle unterschreiben können, die hiermit Konsens haben. (vielleicht nach dem Vorbild der Free World Charter?)

Trackbacks

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 137 Followern an

%d Bloggern gefällt das: