Der kommende Aufstand

Revolution zwischen Theorie und Praxis (aktualisierte Fassung)


Ein Gastbeitrag von Daniel Mützel

Es war Lenin, der über deutsche Revolutionäre spottete, sie würden, wenn sie einen Bahnhof stürmen wollten, zuvor noch Bahnsteigkarten kaufen (und die Quittung auf Öko-Papier anständig im Mülleimer entsorgen, könnte man heute hinzufügen).

Die Berliner Revolutionäre und Okkupisten dieser Tage erzählen sich heute gerne dies Sprüchlein, um sich entweder gegenseitig auf ihre Borniertheit aufmerksam zu machen oder um sich leicht fatalistisch die Rollen der Metapher selbst anzueignen. „Ja, so isses!“ entlockt es einem intuitiv – und doch scheint nicht klar, was daraus folgt, für das eigene Selbst oder für die Interaktion mit der sozialen Umwelt. Meistens bleibt es bei einem müden Lächeln. Der schonungslose Spott, den Lenin in die Semantik schmierte, reicht offenbar nicht aus, der (zumindest ein Stück weit) peinlich berührten Erkenntnis eine veränderte Praxis folgen zu lassen: D.h. nicht nur „Ja! So isses!“, sondern auch: „Scheiße nochmal, dann müssen wir’s anders machen!“

Stattdessen: Gehorsam. Manchmal sogar vorauseilender:

Eine Asamblea auf dem Platz der Republik? Lieber anmelden!

Eine Handvoll Zelte auf dem Platz des 18. März verteidigen? Lieber die Zelte der Polizei überreichen, damit wir bleiben dürfen!

Unser Camp am Bundespressestrand halten und verteidigen? Lieber ein anderes Plätzchen suchen – der Staat will ja auch keine Eskalation! Hat er selbst gesagt!

New York, Oakland, Portland, Zürich, Davis usw. – Die Staatsgewalt macht ihrem Namen alle Ehre: Weltweit werden Camps und Sit-ins von den Behörden weggeprügelt. Die riot police sorgt dafür: Schläger in Uniform, ausgerüstet mit Gummigeschossen, Tränengas, Pfefferspray, Lärmkanonen, Schlagstöcken und einem Gewissen, das an der Garderobe abgegeben wurde. Und trotzdem bleiben die Demonstranten stehen und sitzen, auf das Unvermeidliche wartend, mutig, trotzig.

Und was macht Berlin? Bahnsteigkarten kaufen.

Ein Leben voller Bahnsteigkarten

Warum war eine der meist gestellten Fragen der PressevertreterInnen, warum und wie lange wir noch in der Kälte ausharren? Antwort: Weil unsere Hartnäckigkeit unser Kapital ist; unser Rückgrat beweist; und zeigt, wie ernst wir es meinen. Weil wir (und damit meine ich nur den Teil, der sich angesprochen fühlt) zum ersten Mal etwas Richtiges tun, was zugleich auch weh tut. Zuhause in der warmen Stube rumheulen, dass „das“ System so böse ist, und „wir“ so ohnmächtig sind, kann jede/r. Deswegen interessiert es auch niemanden. Die Leute beginnen uns abzunehmen, dass wir es ernst meinen, gerade weil es unbequem ist. Es ist scheißkalt, und wir waren trotzdem draußen. Polizei und Politiker wollten uns vertreiben und trotzdem blieben wir. Dieses ‘trotzdem’ ist so eine verdammt wichtige Geste. Für uns selbst. Für Andere.

Jahrelang habe ich lieber meine tollen poststrukturalistischen Bücher gewälzt und in wohl temperierten Schreibstuben über die postmoderne (Un-)Möglichkeit, revolutionär zu sein, gebrütet. Klar war: Kritik muss subtil sein, in ihrer Reichweite und Halbwertszeit begrenzt und als Produkt der eigenen idiosynkratischen Beschränktheit ausgewiesen werden. Stets die Top 10 des Manuals im postmodernen Dschungel einhalten. Nie die ausgetretenen Pfade verlassen. Alles viel zu kompliziert da draußen, außerhalb des Elfenbeinturms, in der Sphäre des politischen Handeln. „Politische Praxis“ – was soll das sein? Auf jeden Fall etwas Anrüchiges. Oder zu Kantianisch. Oder beides. Lieber sich darüber Gedanken machen, was Andere gerade falsch machen, wie sie gesellschaftliche Herrschaftsmechanismen in ihren Praktiken reproduzieren, wie sie aus ihren Diskursen ja auch gar nicht raus können usw….Mensch, hätten sie doch ihren Foucault mal genauer gelesen.

Alles, was ich bisher getan habe, war ein „Ja“ zu allem. Ich schreibe einen kritischen Text für ein großes deutschen Kulturinstitut; Thema: die diskursive Vereinnahmung des Arabischen Frühlings durch die Flaggschiffe der deutschen Politik- und Medienlandschaft; Zimmertemperatur auf 22 Grad, eine Tajine im Magen und einen doppelten Espresso für die Schaltfrequenz im Hirn. Eine wissenschaftliche Arbeit über die ökonomische Ausbeutung Osteuropas durch UN- und IWF-initiierte Privatisierungsprogramme?  Ein Gespräch über The Communist Hypothesis bei einem Gläschen Rotwein in St. Germain; auf ein Bier nach Williamsburg, nur um Derrida gegen Marx auszuspielen? Die Überzeugung, die eigene „Subtilität“ sei irgendwie subversiv, witzig oder in irgendeiner Form eine Störung? Bullshit! Nichts davon ist und war jemals subversiv. Scheiß auf die Gespräche, auch wenn sie wichtig sind. Scheiß darauf, wenn sie nur Gespräche bleiben. Nichts davon hat jemals eine Störung in einem der angeschlossenen gesellschaftlichen Systemen erzeugt. Diese kuschelige (und privilegierte) Position, von der aus die Kritik formuliert wird, ist nichts weiter als postmaterialistische Masturbation auf die eigenen Träume.

Dance on the streets!

Freedom of speech? Freedom of Assembly? Western Democracy? Go out, dance on the streets, demand your rights -> you will never find its limits while staying at home, having intellectual sex with your democracy books! Warum sind wir am 15. Oktober nicht vom Platz der Republik gewichen, als die dritte Aufforderung über den Lautsprecher verhallte und die bald eintretende Gewalt ankündigte? Warum haben wir am 12. November auf dem Platz des 18. März unsere Zelte nicht der Polizei übergeben und sie gegen die Zusicherung, bleiben zu dürfen, eingetauscht? Diese Fetzen Stoff, die sowieso niemand benutzte, einzutauschen gegen Demütigungen, Schläge und Verhaftungen – warum nicht? Weil genau das die Momente sind, wo sich ein revolutionäres Bewusstsein bildet. Was immer das heißen mag, „revolutionäres Bewusstsein“. Für mich heißt es: anzufangen, mit dem Ja-Sagen, dem Kuschen und dem falschen Gehorsam aufzuhören. Das ist keine universelle Forderung, zu allen Zeiten und allerortens, sondern zu diesem Zeitpunkt eben das, was notwendig ist.

Was glaubt Ihr, was den politischen und polizeilichen Autoritäten mehr Respekt eingeflößt hat? Die Tatsache, dass wir trotz der drohenden Gewalt nicht aufgestanden sind? Die Tatsache, dass wir trotz Scheißkälte und Überarbeitung immer wieder auf die Straße gehen? Oder die Tatsache, dass wir immer so nett zu den Polizisten sind, versuchen ihnen unsere Motivation zu erklären und uns sogar ab und an bei ihnen bedanken, dass wir auf einem öffentlichen Platz demonstrieren „dürfen“?

Am 9. Januar wurde das Camp am Bundespressestrand geräumt. Wir blieben friedlich, aber nicht passiv. Obwohl viele Erinnerungen und Erfahrungen an dem Camp klebten, war zugleich allen Beteiligten klar, dass dies noch lange nicht das Ende von #OccupyBerlin sein würde. Im Gegenteil: Das Camp ist tot – es lebe die Bewegung! Die täglichen Asambleas wurden bis auf Weiteres in das Antikriegscafé Coop verlegt und alle anderen Aktivitäten prozessieren nahtlos weiter: Eine entstehende Blogger-Community rund um OccupyBerlin (eine von vielen Übersichten hier), AG-Treffen und außerordentliche Strategie-Treffen, mittlerweile regelmäßig tagende Stadtteil-Asambleas, eine bald entstehende OccupyBerlin-Zeitung als Printausgabe, Theatervorführungen etc. – und insbesondere der weltweite Aktionstag am kommenden Sonntag:

#15J Global Change | Occupy the Streets!

Der kommende Sonntag, 15. Januar, wird ein entscheidender Tag: Lassen wir uns einschüchtern, uns in die Passivität treiben – trotz Wut und Empörung über ein System, in der die Verwertung von Mensch, Tier und Natur das Selbstverständlichste der Welt zu sein scheint und die Forderung nach einem grundlegenden Wandel der gesellschaftlichen Konfiguration mit gutmütigem oder wahlweise arrogantem Lächeln abgetan wird? Ein Ruf nach Reförmchen, welche die Löcher der alten Ordnung so abdichten würden, dass die dicksten Gift- und Schwefelschwaden vom Eindringen abgehalten würden, ist mit Sicherheit eine Option: Man könnte auf bereits vorhandene, reformistische Kräfte und Strategien bauen und zudem wäre man sich der Unterstützung der breiteren Gesellschaft sicher. Es wäre die Bahnsteigkarten-Option. Die Frage drängt sich einmal mehr auf, ob wir die Karte kaufen oder darauf verzichten.

Die Bahnsteigkarte wird vieles einfacher machen. Forderungen nach einem radikalen Umbau des gesellschaftlichen Verhältnisse sind der Einen zu utopisch, dem Anderen zu 70ies. Auch der Staat und seine Polizeiorganisationen sehnen sich nach einer reibungslosen, reformistischen Bewegung: bunt, kreativ, lustig und ohne wirkliches Störungs- sowie Veränderungspotential.

Ich bin gegen reibungslos.

Der Artikel erschien ursprünglich auf Daniel Mützels Blog anewsolarplexus.

Zum Thema:

- Das Camp ist geräumt – Volle Kraft auf #15J

- Mein Name ist Mensch – Reflexionen über Individuum und Kollektiv (Teil 1)

- Mein Name ist Mensch – Reflexionen über Individuum und Kollektiv (Teil 2)


creativ commons


Warum spenden?: Selbstverständnis eines Bloggers – Journalismus im schwarmintelligenten Wandel

2 Kommentare to “Der kommende Aufstand”

  1. Der kommende Aufstand wird in Deutschland vermutlich nicht an den Bahnsteigkarten scheitern, sondern ganz grundsätzlich daran, dass es den Agenten des Systems wieder gelingen wird, die jungen Revolutionäre im tiefsten Winter bei Eis und Schnee und vermutlich noch in der finstersten Nacht auf die Straßen zu treiben, wo sie dann alle in ihrem Zeltlager erfrieren.

    Man demonstriert im Sommer und nicht im Winter!

    Occupy die Kälte, Frost und Schnee? Nee! Bin schpn gespannt, wie die Occupy-Bewegung im Wonnemonat Mai plötzlich ihre Auflösung verkünden wird, weil sich in der Bevölkerung zu wenig Teilnehmer hätten mobilisieren lassen. Im Sommer bei Sonnenschein und blauem Himmel zu demonstrieren und die Plätze der Straßen zu besetzen, das geht doch gar nicht. Das werden die V-Leute des Systems wieder vergindern wie jedes Jahr. Erst im Herbst 2012 geht es dann wieder mit den Demos los … .

  2. “Ich wäre für reibungslos, war es immer … doch ich musste ganz am Ende einsehen, dass das nichts bewirkt”, sagte mir der Subcomandante Marcos damals im lakandonischen Dschungel. Er bedauerte, dass es Tote gegeben hatte, war aber fest überzeugt, dass seine EZLN den Indios ohne Blutvergiessen niemals hätte helfen können.

    Es muss nicht dazu kommen, aber “reibungslos” ging noch nie.

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